berlinpankowblogger

Einträge werden als ‘Uncategorized’ kategorisiert

Grüne Greifswalder Blogpolitik

20. Dezember 2009 · 2 Kommentare

  • So bleibt der Blog-Beitrag aus “Pankow” eine Milieuschilderung eines “Helden der Arbeit”, der für sich in Anspruch nehmen kann, durch seine Arbeitseinstellung und seinen Fleiß die Talfahrt der DDR-Wirtschaft ordentlich mit befördert zu haben. (Aus einem Kommentar von Manfred Peters zu meinen Erinnerungen an Lubmin)

Die Grünen von Greifswald fanden wohl Gefallen an meinen Atomkraftwerkserinnerungen. So viel Gefallen, dass sie diese gleich auf ihr Blog stellten. Mit dem Ergebnis, dass diese Erinnerungen kommentiert wurden. Zum Beispiel von Herrn Peters. Er hat da so seine eigene Meinung, an was die DDR wohl endlich zugrunde gegangen sei. Kann er haben. Selten so gelacht.

Trotzdem konnte ich diese nicht unkommentiert stehen lassen. Und so hinterließ auch ich ein paar Zeilen der Aufklärung und die Frage, was wohl der Herr Peters zu Ostzeiten gemacht habe. Eine Antwort blieb er mir schuldig. Was er wohl zu verbergen hat? Wir werden es wohl nicht erfahren. Dafür haben die Grünen meinen Kommentar einfach gelöscht. Und ich hatte mich doch extra gewählt und pc ausgedrückt.

Nun habe ich die Grünen am Bodden aufgefordert, auch meine Erinnerungen auf Ihrer Seite zu löschen. Wer meine Kommentare nicht ertragen kann, soll sich auch nicht mit meinen anderen Worten schmücken. Bin mal gespannt, ob die grünen Damen und Herren im Norden reagieren. Spaß muss sein. Aber wer keine Kritik vertragen kann, ist nicht witzig.

Nachtrag: Kommentar ist nun freigegeben. Er musste erst noch von höchster Stelle gelesen, geprüft und für eine Veröffentlichung würdig befunden werden.

Kategorien: Galerie · Schlagzeilen · Uncategorized

Bierbowle & Monteurskaffee im Atomkraftwerk

19. Dezember 2009 · 8 Kommentare

Es war genauso kalt wie jetzt. Irgendwas unter minus zehn Grad. Es war im Winter 1984. Gut zwei Jahre vor dem Gau in Tschernobyl bauten wir das Atomkraftwerk Lubmin. Direkt an den Ostseestrand. In Ruf- und Stromversorgungsweite Polens. Mit Stahl aus dem Westen, Arbeitern aus der DDR, Schweißelektroden aus dem Osten. Experten vom ZIS, dem Zentralen Institut für Schweißtechnik Halle. Und Monteuren aus Merseburg und Halle. Von der IMO (Industriemontagen), vom MLK (Metalleichtbaukombinat), vom SKET (Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann). Und Experten aus Russland, die sich auskannten mit Atomkraftwerken. Die auch schon den Bau des Reaktors in Tschernobyl betreut hatten.

Die Experten, die Spezialisten, die Abteilungsleiter, die Monteure – sie waren immer da. Im Zwölfstundenschichtdienst, Tag und Nacht, im Mittwoch/Mittwoch-Rhythmus. Mittwoch bis Mittwoch auf Montage, Donnerstag bis Dienstag frei. Geschlafen im Arbeiterwohnheim Greifswald. Oder eher gehaust. In Zweiraumwohnungen. Küche mit Elektroherd und Kühlschrank, Bad mit Wanne, zwei Zimmer mit jeweils zwei Doppelstockbetten. Ein Zimmer mit Tisch und Stühlen. Zum Doppelkopfspielen. Und zum Saufen. Bierbowle zum Beispiel. Beliebt nach der Nachtschicht (18 bis 6 Uhr). Am Abend vorher angesetzt.

Zutaten: Ein (einigermaßen) sauberer Wischeimer, Früchte aus der Dose, aus dem Glas. Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen – was auch imer da war. Zucker drüber und Ruß. Also Schnaps, so hochprozentig wie möglich. Am besten Primasprit. Wenn nicht, dann Korn, Goldbrand. Alles, was dreht. Abdecken, über Nacht stehen lassen. Am Morgen dann, nach dem Duschen, Bier drauf. Helles, Pils, Dunkles, Bock – egal. Hauptsache genug, um den Wischeimer bis zum Rand aufzufüllen. Umrühren, fertig. Dann in Gläser abgefüllt. Doppelkopf- oder Skatkarten auf den Tisch und ab ging die Post. Morgens um sieben. Bis zehn/elf Uhr waren alle voll. Ab in die Koje. Viele gleich in ihren Arbeitsklamotten. Um nicht zu viel Zeit mit Anziehen vertrödeln zu müssen.

Kurz vor fünf fuhr der Montagezug. Morgens wie abends. Von Greifswald nach Lubmin. Ein Zug voller Monteure. Ein Schichtzug voller Karo-Qualm, Schweißgeruch, Männersocken-in-Arbeitsschuhen-Gestank. Und voll. Sitzplätze gab´s nur für altgediente Monteure. Wehe, ein Neuer hatte sich auf einen Platz eines alten Hasen gesetzt. Da gab es schon gleich mal Dresche. Oder zumindest die Androhung derselben. Natürlich gab´s auch Kaffee. Monteurskaffee. Monteurskaffee sah aus wie Kaffee, wurde aus Kaffeetassen getrunken. War aber keiner. Wodka oder Goldi mit Cola. Morgens, kurz vor Fünf im Schichtzug.

Punkt sechs ging´s dann los. Auf der riesigen Baustelle. 500 Meter breit, zwei Kilometer lang. Vom Gerüst oben der Blick bis hinüber zur Greifswalder Oie, bis nach Rügen. Und nach Polen konnte man sehen, entlang der Strommasten. Es ging um den Bau von “Block fünf und sechs“. Vier Blöcke waren schon in Betrieb. Versorgten ein Zehntel der DDR und Westpolen mit Atomernergie. Oder “Strom aus dem Kernkraftwerk“, wie es damals hieß. Auf der Baustelle gab es überall Alarmlampen und -sirenen. Für den Falle des Falles. An den nie einer wirklich gelaubt hat. Deshalb störte es auch keinen, dass bei einigen Notfall-Rundumleuchten die Anschlusskabel lose heraus hingen. Das war eben so.

Der Bau von Block fünf und sechs kam aber sowieso nicht recht voran. Kein Stahl, keine Schweißelektroden, kein dies, kein das. Immer hat irgendwas gefehlt. Manchmal haben die Monteure das erst gemerkt, wenn sie vor Ort waren. Oben auf dem Reaktorblock, in 60 Meter Höhe. Dann ging es wieder runter. Über unendlich lange Gänge, Gerüstleitern. Durch tonnenschwere Sicherheitstüren, über rutschige Verbindungsschächte. Unten angekommen war dann Pause. Frühstückspause. Manchmal auch schon Mittag. Dann gab es bei manchen Monteurskaffee. Andere hatte noch ein Schluck Bierbowle in der Thermoskanne.

Block fünf ging 1989 in Probebetrieb.Und wurde wieder abgestellt. Nach dem Protest von Umweltgruppen. Wie auch der Rest des Kernkraftwerkes. Denn was die Monteure schon damals wussten, wurde nach 1990 auch offiziell bekannt: Die Baupläne für Lubmin waren Kopien aus Tschernobyl. Aber das hat 1984 noch niemanden gestört. Bei Bierbowle und Monteurskaffee ließ es sich aushalten. Auch im Winter.

Kategorien: Galerie · Lesenswert · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , ,

Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war“?

13. Dezember 2009 · 5 Kommentare

Es lief im Radio. Letzte Woche. Selten, dass sie mal Renft spielen. Aber letzte Woche lief es, das Lied. Und plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Glasklar. Als wenn es gestern gewesen wäre.

Sie hieß Julia. Kurze, rote Struwwelhaare, grüne Augen. Zerrissene Jeans, kunterbuntes, selbst bemaltes T-Shirt, Parka. Sie war 32, fast zehn Jahre älter als ich damals. Im Turm, dem Studentenklub von Halle, hatten wir uns kennengelernt. Wir waren die letzten Gäste, nach einem Konzert. Ich hatte gerade meine letzte Mark für ein Bier ausgegeben. Sie ihre letzten Pfennige für ein Schmalzbrot. Wir haben beides geteilt. Und sind danach durchs dunkle Halle zu ihr gelaufen.  In einer eisigen Winternacht.

Altbau Hinterhaus, zweiter Stock. Dunkle Kälte. Strom hab ich schon lange nicht mehr, sagte sie, zündete Kerzen an. Und den Gasherd. Bei offener Klappe kam so etwas Wärme in die Küche. Kohlen kommen erst nächste Woche. Wenn ich sie bezahlen kann. Julia ging nicht arbeiten. War bei der Stadt als „kriminell gefährdet“ eingestuft.  Aber die lassen mich in Ruhe, sagte sie. Weil ich plem plem bin. Plem plem? War in der Irrenanstalt. In Altscherbitz. Wollen wir nicht über was anderes reden? Klar, sagte ich.

Wir redeten bis zum Morgen. Und tranken Wein. Selbstgemachten Kirschwein. Aus einem großen Ballon, der neben dem Küchentisch stand. Und Julia erzählte doch noch ihre Geschichte. Von Schlägen daheim, vom Kinderheim, von Lügen. Lügen ihrer Mutter. Die nicht wahr haben wollte, was der Vater jahrelang mit der Tochter gemacht hatte. Niemand hatte ihr geglaubt. Deshalb wurde sie eingewiesen.  Dort, sagte sie, hat man wenigstens so getan, als ob man mir glauben würde. Glaubst Du mir? Fragte Julia beim Abschied und bevor ich antworten konnte – sag jetzt lieber nichts. Und vergiss mich, so eine wie mich, so eine hat man nicht als Freundin.

Ich konnte sie natürlich nicht vergessen. Hab sie hin und wieder besucht. Mit ihr die Kohlen in den Keller getragen. Kirschen gepflückt, für den neuen Wein. Nächtelang in der Küche gesessen. Dann fragte sie mich, ob ich denn die Gitarre mal mitbringen könne. Sie hätte mich da letztens spielen sehen, in der Band, beim Straßenfest. Als ich mit der Gitarre kam, hatte Julia gekocht. Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen habe. Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war“ singen? Klar konnte ich. Renft, das gehörte zum Standartrepertoire. Damals.

Julia sang mit. Den Refrain: Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Das ist jetzt unser Lied, sagte sie. Wenn ich es in Zukunft höre, denk ich an dich. Und wenn Du es hörst, könntest du ja auch an mich denken. Ach Julia, ich denk doch sowieso oft an dich, sagte ich. Und wollte ihr sagen wie sehr ich oft an sie denken muss. Sie hatte wohl so etwas geahnt, bat mich, jetzt nichts zu sagen und dafür weiter zu spielen. Wir sangen und saßen wieder mal bis zum Morgen.

Es war der letzte Morgen mit Julia. Ein Unfall. Hieß es damals. Heute weiß ich, dass es keiner war. Freunde haben mir später erzählt, dass sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Stand darauf.

Kategorien: Galerie · Halle Neustadt · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , ,

Kleine- und Großestraßenschilderaufstellungsamt

5. Dezember 2009 · 3 Kommentare

Es geschah in der Vorweihnachtszeit in einer großen Stadt. Eine Stadt so groß, dass es viele viele verschiedene Häuser gab, in denen die verschiedenen Ämter ansässig waren. Manchmal hatten aber auch die gleichen Ämter in verschiedenen Häusern, ja sogar in verschiedenen Bezirken ihre Zweigstellen. Wie auch das Straßenamt. Das Straßenamt wiederum war in dieser Stadt unterteilt in viele kleinere Unter-Ämter und Abteilungen. So gab es auch das Kleineschilderstraßenamt und auch das Großeschilderstraßenamt. Die einen waren für die kleinen Straßenschilder zuständig, die anderen für die großen Straßenschilder.

Nun, jedes Amt wollte natürlich an jeder möglichen Kreuzung Schilder anbringen. Natürlich nicht selbst, denn dafür gab es ja das Kleine- und Großestraßenschilderaufstellungsamt. Wenn nun ein neues Schild an einer Kreuzung oder in einer Straße aufgestellt werden musste, dann trafen sich jeweils ein Straßenamtsbeamter vom Kleineschilderstraßenamt und vom Großeschilderstraßenamt, um zu regeln, wer denn nun zuständig war. Denn in dieser Stadt gab es kleine Kreuzungen sowie kleine Straßen und natürlich auch große. Dann erst wurde das Kleine- und Großeschilderauftsellungsamt beauftragt, ein großes oder ein kleines Schild aufzustellen.

Manchmal aber, wenn Schnee, Eis und/oder Glätte so ein wichtiges Treffen verhinderte, dann konnte es schon einmal vorkommen, dass jeder für sich eine Entscheidung traf. Ohne Absprache mit dem jeweils anderen. Denn bei Schnee, Eis und/oder Glätte konnten sie sich nicht absprechen. Gespräche über Telefone oder auch computergestützte Nachrichten-Übermittlungen waren bei den Ämtern dieser Stadt noch nicht bekannt. Und so konnte es schon einmal vorkommen, dass das Kleineschilderstraßenamt das Kleine- und Großeschilderaufstellungsamt beauftragte, ein kleines Schild dort anzubringen, wo doch schon ein großes hing.

Weil aber doppelte Schilder nicht im Sinne der Straßenamtsschilderverkehrsordnung waren, wurde zu dieser Zeit das große Schild einfach durchgestrichen. Mit der Hoffnung, dass es kein Beamter vom Großeschilderstraßenamt jemals sehen würde. Denn das würde der sich sicher nicht so einfach gefallen lassen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es jemals von offizieller Seite bemerkt werden würde,  war eher gering. Denn es war ja fast schon Winter. Und im Winter verließen die Beamten dieser Stadt ihre Büros nur für den Nachhauseweg. Nicht jedoch für ein Treffen mit dem jeweils anderen auch nicht zuständigen Amt.

Kategorien: Berlin · Galerie · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , ,

Hoch lebe der Vorgang

27. November 2009 · 1 Kommentar

Finanzamt Pankow Weißensee. Klärung einer mutmaßlich unberechtigten Forderung. Die Pförtnerin schickt mich ins Zimmer 12a. Da ist aber niemand. Vermute ich zumindest. Denn die Bürotüren scheinen so dick zu sein, dass man entweder drin das Klopfen nicht hört, oder man versteht draußen das „Herein“ nicht. Ich klopfe etwas lauter. Eine Nachbartür geht auf, eine 150-Kilo-Beamtin schaut entsetzt in meine Richtung. Sie müssen hier aber nicht gleich randalieren. Worum gehts denn? Ach dit? Tja, da müsse ich wohl in den vierten Stock, ins Zimmer 4064, immer rechts halten.

Im Aufzug weitere zwei Beamtinnen, gleiches Gewicht wie die Dame eben. In den Armen halten beide zenterweise Aktenordner. „Vorgang XIII/23/2006″ kann ich auf einem erkennen. Meine Hoffnungen auf schnelle Klärung meiner Angelegenheit schwinden. Denn da wartet wohl jemand seit 2006 auf eine Klärung. Vierter Stock, Zimmer 4064. Im Büro ein Beamter, der wohl noch etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt als seine Kolleginnen. Ist ja auch kein Wunder, wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt. Die armen Menschen.

Doch auch dort bin ich falsch. Nachdem, mit gutem Zureden, der Rechner endlich angegangen ist (wieso war der eigentlich aus?), und der Herr meine Daten beim dritten Mal richtig eingetippt hat, sagt er mir, dass ich damit zu seiner Kollegin müsste. Aber er wisse nicht, ob sie denn noch da wäre. Zimmer 3086, dritter Stock. Okay, denke ich, das wird heute nichts mehr. Ist ja auch Freitag. Was habe ich mir dabei nur gedacht?

Auf dem Weg begegnen mir zwei schlanke Beamte. Was machen die denn hier? Ach so, sie verteilen Aktenornder mit Vorgängen im ganzen Haus. Die laufende Hauspost sozusagen. Manchmal auch über die Treppe. Da bleibt wenig Zeit zum Dickwerden. Im dritten Stock erfahre ich, nachdem wieder zuerst der Rechner hochgefahren werden musste, dass ich ins Zimmer 12a muss, Erdgeschoss. Aber da komme ich doch her! Ach so, der hat sie geschickt? Zu mir? Nein, nicht zu Ihnen. Zuerst in den vierten Stock. Ach so, nee, dit is falsch.

Nach drei weiteren Büros, in drei verschiedenen Etagen, ist aber endlich klar – die Forderung ist unberechtigt. Ich könne nun schriftlich dagegen vorgehen. Schriftlich? Wozu bin ich denn hergekommen? Naja, wissen se, dit ist n Vorgang. Und der Vorgang kann nich einfach so jelöscht werden. Der muss abjearbeitet werden. Vastehnse? Ja, ja, ich verstehe. Erst jüngst erzählte mir meine Steuerberaterin den ersten und wichtigsten Grundsatz bei den Ämtern: Hoch lebe der Vorgang.

Kategorien: Berlin · Galerie · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , ,

Montags oder „Wenn das dor Orweidsschudsobmann sieht“

21. November 2009 · 2 Kommentare

Montags war es immer besonders schlimm. Kurz nach fünf schon klingelte der Wecker. 5.26 Uhr fuhr die letzte Bahn, um pünktlich auf Arbeit zu sein. Linie 9, von der Dölauer Heide bis nach Büschdorf. Meine Station war Gimritzer Damm. Der Übergang von Halle zu Neustadt. Kurz vor der Kurve, wo die Tatra-Bahnen laut quietschend in Richtung Halle abbogen. Rechts die Pferderennbahn, links die Peißnitz. Das Centrum Warenhaus. Mit der Kantine, wo es die leckeren Gehacktesbrötchen gab. Und zwischen Oktober und März das dunkle Bockbier. Einen halben Liter für eine Mark zwölf.

Weiter durch die Mansfelder Straße. Hinein ins Grau der Stadt. Wo im Winter der Braunkohle-Rauch bis in die Bahn vordrang. Am Markt vorbei, Große Steinstraße, Ernst-Thälmann-Platz, Delitzscher Straße. Haltestelle Grenzstraße, die letzte vor der Endhaltestelle. Wenn ich Glück hatte, wurde ich wach. Manches mal bin schlafend durchgefahren. Bis Büschdorf und wieder zurück bis in die Stadt.  Dann kam ich zu spät. An die alte Sägemaschine. Wo mit der Uhr in der Hand schon mein Meister stand. „So wird aus dir nie ein gutes Glied in unserem Kollektiv.“ Wollte ich sowieso nie.

Rein in die Waschkaue. In die Arbeitsklamotten. Blaue Latzhose, blaue Jacke, gelber Arbeitsschutzhelm. Uhren und Schmuck ablegen. Aufträge abholen. 200 Winkeleisen sägen. 30er, 280 lang. Versteifungen für Strommasten der Reichsbahn. Winkelprofil einspannen, 280 Millimeter einstellen, sägen. Winkelprofil weiterschieben, bei 280 Millimeter absägen. Winkelprofil einspanne, bei 280 Millimeter, Mist, ist nur noch 240 lang, ab in die Schrottkiste. Nächstes Winkelprofil einspannen…

10 Uhr. Pause. Schnell in die Kantine. Nur die ersten kriegen belegte Brötchen. Der Rest muss Butterbrot kauen. Ich esse wie immer. Eierbrötchen, Bockwurst, Kaffee, Zigarette. Denn mein Frühstück ist Mittag. Es gibt nur diese eine Pause. In der Frühschicht im Drei-Schichtsystem. 6 bis 14, 14 bis 22, 22 bis 6 Uhr, Früh-, Spät- und Nachtschicht. Im wöchentlichen Wechsel. 10.20 Uhr, Pause vorbei. Zurück an die alte Sägemaschine. Die Palette mit den Winkeln steht nicht mehr dort, wo sie vor der Pause noch stand. Dafür steht dort der Abteilungsleiter.

„Mensch Junge, die Baledde gannste doch nich im Weje rumstehn lassen. Wenn das dor Orweidsschudsobmann sieht, kriste richtich Ärjer, Mensch Junge. Nu gugge nich so bleede. De Baledde findsde hingene, nimm dor n Gran un holse dir ran. Owwer nich hier hin, Mensch Junge. Hier muss frei bleim. Hier is Fluchdwech, Mensch Junge.“  Kran? Ich und Kran? Bin doch Lehrling, darf das Teil doch gar nicht allein bedienen! „Mensch Junge, siehsde hier irjendwo n Orweidsschudsobmann? Nich? Also, mach dasde voranne gommst und hol die Baledde vor. Mach hinne, Mensch Junge. Du weesd ja, dor Blan.“

14 Uhr, Feierabend. Es gab Geld. Lehrlingsentgelt. 108 Mark. Ab in den „Starken Arm“. Die Kneipe gleich neben dem VEB Metalleichtbaukombinat Werk Halle, Betreibsteil III, Tor zwei. Die Kneipe, aus der die Lehrlinge in der Spätschicht das Bier holen müssen. Für den Brigadier, für den Polier und den Meister. Flaschenbier. Ein Glas im „Starken Arm“ kostet 40 Pfennige, ein Viertelliter. Aus zwei werden acht. Und der Montag ist rum. Wir auch. Hoffentlich ist bald Freitag.

 

Kategorien: Block 330 · Galerie · Halle Neustadt · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , ,

Pankow unter Wasser

17. November 2009 · 3 Kommentare

Es gibt gute und schlechte, große und kleine, sensationelle und weniger interessante, durchschlagende und in Vergessenheit geratene, nützliche und unnütze Erfindungen. Und es gibt jene, die man selbst für die größten aller Zeiten hält. Nicht ganz so groß, aber dennoch sehr interesant, nützlich und ein klein wenig sensationell ist für mich zumindest die Erfindung des wasserdichten Ipod Shuffles. Also des „Koffers“, der den MP3-Player wasserdicht umschließt. Zusammen natürlich mit den wasserdichten Ohrhörern. Wer, wie ich, gern schwimmt, und dies auch oft tut, der wird mich verstehen. Und auch, warum ich mir dieses Teil gekauft habe.

Denn das Einzige, was neben quer schwimmenden und im Weg stehenden Senioren in der Schwimmhalle noch stört, sind die Hallenbad-Geräusche. Die sich durch den Hall in der Halle verstärken und von überall her auf einen einstürzen. Dies ist nun Geschichte für mich. Ich höre jetzt meine Lieblings-Mucke. Über und unter Wasser. Ein kurzer Griff und der Player ist samt Hülle an der Schwimmbrille befestigt. Die wasserdichten Hörer eingestöpselt und los geht. Schwimmen und Tauchen mit Mucke.

Das Teil bleibt immerhin bis 3 Meter Tiefe dicht. Und spielt Musik. Was für ein Gefühl, wenn man zum ersten Mal unter Wasser „Stille“ von „Pankow“ hört. Oder Justin Sullivans „Ocean Rising“. Oder wenn das Klavier von Diana Kralls „Narrow Daylight“ erklingt.

Da kann man schon einmal vergessen, dass man eigentlich zum Schwimmen hier ist. Beim ersten Test war es denn auch so. Irgendwann stellte ich verwundert fest, dass ich meine geplante Strecke von 1250 Metern weit überschritten hatte. Denn statt der geplanten 40 war ich bereits 60 Minuten im Wasser. Bahn für Bahn, Titel für Titel. Oder wohl eher umgedreht. Musik hören und nebenbei Schwimmen. Dit is schau. Und erinnert mich außerdem an unseren schönen Urlaub dieses Jahr. Denn erworben habe ich das Teil, nach vergeblichen Mühen in Deutschland, in Miami Beach.

Shuffle einstöpseln, Case schließen, an der Schwimmbrille festmachen, loslegen

Kategorien: Berlin · Galerie · Mucke · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , ,

Goodbye Florida Keys

7. November 2009 · Kommentar schreiben

pelikan02Wir werden sie vermissen, die Pelikane, die Kraniche. Und die Keys sowieso.

Kategorien: Andere Länder, andere Sitten · Galerie · Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: ,