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Freitags

7. Oktober 2009 · 7 Kommentare

ruine halle 3

Es ist Freitag. Schon am Nachmittag bin ich in die Wohnung von Schorschi gefahren. Mitten in der maroden Altstadt. Vorn durch die alte Holztür mit dem schwarzen Loch in der Mitte. Glas ist hier schon lange nicht mehr drin. Durch den Flur in den Hinterhof. Dort die steile Holztreppe rauf. Die Stufen knarren, jede anders. Oben nur ein Vorhang, die Tür steht hier immer offen. Für jeden, der zu Besuch kommt.

Die Bude ist verqualmt. Filterlose Karo oder Selbstgedrehte oder beide. Schorschi freut sich, wie immer, wenn jemand den Weg zu ihm gefunden hat. Er macht Fettbemmen mit selbst geschmorten Schmalz, bestreut mit Salz und Zitronenmelisse. Dazu schwarzen Tee, natürlich mit einem Schluck Schnaps. Goldbrand, manchmal auch Rum. Oder ein Glas Rotwein, aus der Tasse. Mit braunen Rändern vom schwarzen Tee.

Dann nimmt Schorschi die Gitarre in die Hand. Er schlägt ein paar Akkorde an, seine Finger gleiten durch die Saiten. Wie macht er das bloß immer? Schon wieder hat er eine neue Melodie, schon wieder hat er einen Text vertont. „Lied für Katrin“ nennt er es, beim Vorsingen krieg ich Gänsehaut. Dann klimpert er noch ein paar andere Sachen an. Und dann ist der Wein alle. Wir gehen zusammen die steile Treppe hinunter, durch den Flur auf die Straße. Schräg gegenüber ist Schorschis Stammkneipe. Nicht nur seine.

Im Sargdeckel trifft sich halb Halle. Zum schwatzen (aber bitte leise, sagt der Wirt), natürlich zum Bier trinken (Helles 40, Pils 48, Sternburg Export 56 Pfennige – 0,25 Liter) und auch zum Knobeln. Oder Skat spielen. Der Wirt ist grantig, aber hat das größte Herz. Schnaps kostet hier ne Mark, Bockwurst mit Rührei und Kartoffelsalat 3,20. Zehn Mark reichen hier. Zum satt werden, für zehn Bier, zwei Schnäpse und Trinkgeld. Punkt elf ist Schluss, keine Diskussion.

Also weiter zum Turm. Studentenklub. Schwierig hinein zu kommen. Schorschi kennt den Chef, kein Problem. Außen dicke Mauern, drinnen halbe Liter Bockbier (1,12). Unten nur ein paar Leute am Tresen, oben ist es rammelvoll. Eine Jazzband spielt, Schlagzeug, Bass, Saxophon. Das Publikum langhaarig, Jeans, Römerlatschen. Wir gehen wieder hinunter, das Bockbier schmeckt uns besser als der Jazz.

Dann ist es auch schon früher Morgen. Schorschi wankt nach Hause, ich auch. Durch die halbe Stadt. Durch Parks, über Brücken, über menschenleere Straßen. Vorbei an den Ruinen am Stadtrand. Dann das Centrum-Warenhaus, der Fluss, die Pferderennbahn. Schluss für heute, bis nächsten Freitag.

Das alles ist lange her. Das Land wurde abgeschafft,  Schorschi lebt leider nicht mehr. Aber die Erinnerungen sind wach. Die kann man nicht einfach abschaffen. Die sind frei, wie die Gedanken. Und die Kneipe gibt´s auch noch. Oder besser gesagt – wieder.

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Jugendliebe

24. Juni 2009 · 7 Kommentare

Es ist schon seltsam und interessant, wie das Hirn so funktioniert. Da sieht man einen Ort wieder, aus der Jugend, und schon fallen einem alle relevanten Erinnerungen dazu ein. Es war ein Besuch im Spreepark im Plänterwald. Der ehemalige Betreiber plauderte über sich, seine schlimmsten Fehler, seine Familie, Kokain-Schmuggel, Knast und über die Zeit, die jetzt kommen soll. Eine Familiengeschichte ohne Gleichen, ein Schicksal aus Berlin. Eine Schuasteller-Geschichte mit viel Rummel.

Und das war das Stichwort. Rummel. Bei uns damals in Halle war der Rummel immer auf dem großen Platz vor der Eissporthalle. Da haben wir uns getroffen, weil um die Ecke sowieso unser täglicher Treffpunkt war. Auf der Peißnitz, hinten bei den Tischtennisplatten. Der Rummel jedenfalls zog uns an. Da konnte man an den Schieß- und Wurfbuden den seltenen Mehrfrucht-Tischwein erspielen, gelangweilt am Autoscooter rumstehen oder sich mit Mädchen treffen.

Eines Tages traf ich auch eine Mitschülerin. Verschossen war ich in sie, verliebt vielleicht auch. Aber aus heutiger Sicht war es eher “verknallt”, wie wir damals sagten. Wir gingen noch zur Schule und ich wusste, dass sie dort war, weil ER dort war. ER war aus einer höheren Klasse. Aber ich hatte mich gegenüber meinen Freunden geäußert, heute würde man vielleicht “geoutet” sagen, dass ich sie gern als meine Freundin hätte.

Die Freunde sagten dann zu mir, auf einer Wiese neben dem Rummel: He, geh hin, und frag sie einfach. Ich war sehr unsicher, denn ER war auch auf dem Rummel. Aber ich habe es getan. Irgendwann, später am Abend, ging ich hin und fragte sie. Ja, ich fragte sie, genau mit diesen Worten: Willst Du mit mir gehen? Nicht etwa: Ich mag dich. Oder Ich bin ich dich verknallt. Nein, ich fragte sie: Willst Du mit mir gehen.So einfach funktionierte das damals.

Und, seit dem Rummelbesuch im Plänterwald, weiß ich es wieder ganz genau. Ich hatte es längst vergessen, aber Sie sagte: JA. Und ich? Ich ging, nach dieser Antwort, wieder zurück zu meinen Freunden. Aus Angst vor dem, was da jetzt kommen könnte oder ich weiß nicht mehr warum. Ließ sie einfach da so stehen, mit der Antwort, mit dem, was da kommen könnte. Aber ich hatte nicht mit den Freunden gerechnet.

He, sagten sie, geh hin, du kannst sie doch jetzt nicht so einfach stehen lassen. Und ich bin dann wieder zu ihr hin. Vorsichtig fragte ich noch einmal nach, ob sie es denn auch so gemeint hätte, wie gesagt. Ja, na klar, oder so ähnlich antwortete sie. Ich fasste Mut und nahm sie an der Hand. Wie selbstverständlich gab sie mir ihre Hand, umarmte mich und gab mir einen Kuss. Ich flog davon, auf sieben Schwingen und Mehrfruchtwein und Glück.

Wir waren einige Zeit ein Paar. Ich habs dann irgendwann versaut. Hab irgendwelche blöden Sprüche gemacht, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber die Zeit mit ihr war schön. Denn wir waren jung und “verknallt” (zumindest ich)…

Seit dem Ende der Schule habe ich nichts mehr von ihr gehört. Bis neulich. Ich bekam eine Nachricht von einem Klassentreffen-Wiedersehens-Ich-suche-Dich-Portal im Internet. Da hatte ich mich auch einmal eingetragen. Mit der Schule und dem Jahrgang. Sie eben auch und so wird man 25 Jahre später auf einmal miteinander konfrontiert. Zum Glück kann man sich es ausssuche, ob man sich meldet oder nicht.

Jetzt, nach den Rummel-Erinnerungen, möchte ich es lieber bei denen belassen. Es gibt Freunde aus diese Zeit, die mein ganzes Leben seitdem begleitet haben, mit denen ich immer noch guten Kontakt habe, die immer noch oder wieder Freunde sind. Aber Sie sollte einfach nur die erste Jugendliebe bleiben. So ist es mir lieber.

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