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Beiträge vom März 2008

Bahn sechs, kurz nach Sieben

25. März 2008 · 4 Kommentare

Dienstag früh im Stadtbad Tiergarten. Sechs 50-Meter-Bahnen, 28 Grad Wasser-Temperatur. Draußen ist es schon hell, kurz nach sieben Uhr. Jetzt gelten die preiswerteren Tickets. Die kosten 45 Prozent weniger, man muss aber bis acht Uhr draußen sein. Schwimm-Zeit für Senioren. Oder besser noch Bagger- und Laber-Zeit für Senioren. Manche sind nur deswegen hier. Wie Trudchen. Oder Herbert. Oder Irmgard.

„Na, Herbert hat wohl verpennt?“, fragt Trudchen die Irmgard. Beide (um die 75) haben sich bei Bahn sechs in der Ecke versammelt. Die Ellenbogen locker auf dem Beckenrand, die Brillen (Lesebrillen! Keine Schwimmbrillen!) auf der Nase und natürlich die mit diversen Blümchen-Mustern versehenen Badekappen. „Dit wär dit erste Mal Diesjahr“, antwortet die Irmgard während sie einen Träger ihres Badeanzuges von der Schulter Richtung Hals schiebt.

„Nee, nee. Weeste noch, im Januar? Da kam olle Herbertchen och mal zu spät“, ist Trudchen überzeugt. „Na vielleicht isses ja wejen dem Streik. Die Busse fahrn doch nich“, vermutet Irmgard. „Na dit mit dem Streik, dit jeht mir vielleicht uff de Nerven. Die ham ja woll nich mehr alle!“ Trudchen ist sichtlich sauer. „Stell dir vor, die verdien alle so um de dreitausend Euro. Wat wolln die denne? Dit is soviel wie ick krieje. Und ick hab fuffzich Jahre jeschuftet.“

„Na, na Trudchen. Nu bleib ma uff n Teppich. Jeschuftet is ja woll n bissken übatrieben. Du hast fuffzich Jahre n Haushalt jeschmissen und dein Alta hat jeschuftet“, klärt Irmgard auf. Trudchen schaut erbost: „Na und? Haushalt is och jeschuftet. War nich so einfach, als Frau Stadtrat. Dit kannste glooben. Die janzen Feste und imma dann war dit Haushaltsmädchen krank. So war dit nämlich.“

„Ja, ja, sagt Irmgard. Und jetze biste arm dran. Musste eben mal uff dit Kaffeekränzchen inne Wiener Haus vazichten. Nich immer nur Sahne und Likörchen. Och ma n bissken sparn.“ „Sparn? fragt Trudchen. Für was solln wir noch sparn?“ Beide lachen laut und lange. Dann sagt Irmgard: „Haste och wieder recht. Ick freu mich och schon uff nach dem Baden. So`n schönes Stückchen von der Himbeer-Sahne. Und wenn Herbert doch noch kommt, dann…

„Ach kiek ma, wer da kommt“, unterbricht Trudchen. „Der Herbert.“ Die beiden wollen grad winken, da schläft ihnen das Gesicht ein, Trudchen rutscht die Brille von der Nase, bei Irmgard rutscht der Träger. Denn Herbert ist nicht allein. Herbert hilft gerade einer Dame um die 70 höflich beim Hinabsteigen ins Schwimmbecken. „Ja, was, wie, dit…“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich habe ja noch zehn Bahnen vor mir. Und die Zeit ist knapp. Schließlich muss auch ich um acht draußen sein.

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Turmlampe oder Lampenturm?

23. März 2008 · 1 Kommentar

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Herr Nelken und die Freiheit der Meinungsäußerung

21. März 2008 · Kommentar schreiben

Da hat einer wohl etwas falsch verstanden. Oder er lebt immer noch in seiner alten schönen Welt. Der Herr Stadtrat Dr. Michael Nelken vom Bezirksamt Pankow. Stadtrat für Kultur, Wirtschaft und Stadtentwicklung. Hat sich im Anzeigenblättchen Berliner Woche zum Café Garbáty geäußert. Und die haben das auch noch abgedruckt. Ohne auch nur eine einzige Gegenmeinung zu hören. Oder zu drucken. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist da wohl etwas falsch verstanden worden.

Aber Nelken kennt das ja. Damals, als er noch „Sekretär der Grundorganisation der Freien Deutschen Jugend im DatenVerarbeitungsZentrum von Berlin“ war. Selbstverständlich war auch er in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Mitglied seit 1976. Im gleichen Jahr übrigens wurde auch Burkhard Kleinert SED-Mitglied. Der Boss der Bezirksverordneten in Pankow und ebenfalls Gegner des Garbáty. Welch ein Zufall. Man kennt sich also. Aus den alten Tagen. Damals, als nur das in den SED-Zeitungen gedruckt wurde, was die Partei sagte. Oder die FDJ. Andere Ansichten gab es nicht. Und wenn, wurden sie totgeschwiegen.

Es ist unglaublich. Wie sie immer noch funktionieren. Die alten SED-Seilschaften. Und die neuen. Die können es sich auch 19 Jahre nach der Wende erlauben, zu schalten und zu walten wie sie wollen. Und dann gibt es auch noch Zeitungen, die das mitmachen. Naja, vielleicht gab es ja im Gegenzug die eine oder andere Anzeige. Oder was hat den zuständigen Redakteur geritten, einen so diffamierenden Text eines Stadtrates abzudrucken, ohne auch nur einmal die Gegenseite angehört zu haben?

Das ist nicht die Freiheit der Meinungsäußerung, die wir haben wollten und wollen. Nur die Meinung der regierenden Partei zu verbreiten, hat damit absolut nichts zu tun. Das, so dachte ich bisher, hatten wir 1990 abgeschafft und längst hinter uns gelassen. Welch ein Irrtum.

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Ein Scheißjob

7. März 2008 · 1 Kommentar

„Busfahrer ist ein Scheißjob“. Frank Peters (56) weiß wovon er spricht. Seit zwanzig Jahren sitzt er auf dem Bock, seit knapp acht Jahren fährt er Linienbus in Berlin. Als Subunternehmer für die Berliner Verkehrsbetriebe BVG.  Deshalb muss er auch jetzt Bus fahren. Wo doch alle anderen streiken.

Ein Streikbrecher wider Willen. „Ick verdiene weniger als die streikenden Kollegen, verliere demnächst meinen Job und darf als Dankeschön die Drecksarbeit für die BVG machen.“ Peters hat die Schnauze so richtig voll. „Die da oben in der BVG-Chefetage wissen nichts über den Job eines Busfahrers. Rein gar nichts.“

„Wir sind im Gegensatz zu U- und Straßenbahnen die einzigen Fahrer ohne Schutzkabine. Wir werden angepöbelt, geschlagen, bespuckt. Dabei sollen wir sicher durch den Berliner Verkehr kommen, Tickets verkaufen und gleichzeitig kontrollieren. Wir müssen Auskunft geben und manchmal den Stadtführer spielen. Alles in allem ist Busfahrer ein Scheißjob.“

Letztens gab es Zoff, hinten im Bus. Peters hielt an, ging zum Schlichten nach hinten. Türkische und deutsche Jugendliche waren aneinander geraten. Zum Glück konnte er sie auseinander bringen. Allein, die Fahrgäste hielten sich zurück. Als er wieder nach vorne kam, war seine Ticket-Kasse ausgeräumt. 200 Euro waren weg. 20 Fahrgäste saßen daneben. Keiner hatte etwas gesehen. 

Peters arbeitet jeden Monat mindestens 192 Stunden, für jeweils 10 Euro. Bei der BVG würde er mehr verdienen aber 30 Stunden weniger arbeiten. Doch auch “Scheißjob“ ist er bald los, in drei Wochen ist Schluss. Weil die BVG zu viele Fremdfirmen beschäftigt, trennte man sich von zwei Subunternehmen. Peters Firma hat ab 1. April keinen Hauptauftraggeber mehr. 45 Busfahrer und zwanzig gelbe Linienbusse stehen dann auf der Straße bzw. auf dem Hof. 

Peters hat einen neuen Job. „Nach etlichen Bewerbungen habe ich eine Anstellung als Lkw-Fahrer bekommen.“ Dafür muss er jetzt seine Freizeit opfern. Denn nach Feierabend macht Peters Probefahrten mit dem Lkw. „Damit im April die Umstellung nicht so schwer fällt.“

Schwer wird es ohnehin. “Ich habe dann 500 Euro weniger. Ich weiß noch nicht, wie ich das meiner Bank beibringen soll. Die wartet doch jeden Monat auf meine Kreditrate.“ Am liebsten würde er Berlin verlassen. Aber das geht nicht. Seine Familie ist hier, sein Frau und sein 16jähriger Sohn. „Die brauchen mich doch.“

Manche seiner Kollegen haben sich fürs Weggehen entschieden. “Einige gehen als Busfahrer in die Schweiz. Für 24 Euro  pro Stunde. Plus Spesen.“

 

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Peters auf seinem „Bock“, einem Berliner Linienbus                         Foto: Purschke

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Farbenspiele

4. März 2008 · Kommentar schreiben

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Solch Farbenspiele wird es wohl am Alexanderplatz die nächsten Tage nicht geben. Das kann lediglich der Photoshop. Dafür aber wird es genau so leer werden. Denn bei den Berliner Verkehrsbetrieben wird zehn Tage lang gestreikt. Die U-Bahnhöfe bleiben also geschlossen. Und so wird auch über diese Treppenstufen am Alex tagelang niemand gehen. Schade eigentlich. Ist doch immer wieder ein schöner Anblick, wenn man dort aus den U2-Katakomben ans Tageslicht steigt. Für mich zumindest.

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Band-Liquidierung

2. März 2008 · Kommentar schreiben

Da bleibt einem nicht nur die Spucke weg, da kann einem im Nachhinein auch schon mal schlecht werden. Auch 19 Jahre danach lässt uns das Thema Stasi nicht los. Über die Einträge in meiner Akte kann ich heute nur noch lachen. Besonders Wortwahl, nicht vorhandene Rechtschreibung und Grammatik machen die Akte zu einem regelrechten Lesevergnügen. Da steht geschrieben, ich hätte in einer Volkloregruppe gespielt, am Konservatorium Georg Heinrich Händel studiert und meinen Eltern wurde ein Garten nebst Haus angedichtet, der nie existiert hat.

Schön auch die Passage, die beschreibt, dass bei meiner Mutter „keine schwatzhaften Situationen festgestellt wurden“. Ebenso fantastisch die Feststellung des IM (ich weiß immer noch nicht, wer dahinter steckt) nach einem Ungarn-Urlaub: ich sei vom dortigen Konsumangebot begeistert und würde in Budapest sowieso alles besser finden als in der DDR. Und Hinweise von anderen Jugendlichen, die mich auf diese fehlerhafte Einschätzung hingewiesen hätten, seien von mir ignoriert worden… Zu meiner ehrenamtlichen (!) Tätigkeit in einem Jugendclub bemerkte jener IM: Er kam immer nur dann, wenn er nichts anderes vor hatte.

Natürlich gibt es auch Teile in der Stasi-Akte, die nicht so lustig zu lesen sind. Wie wohl die meisten dieser Art. So auch die von befreundeten Musikern einer Metal-Band aus Erfurt, die jetzt ihre Akte Einsehen konnten und Teile daraus auf ihrer Homepage veröffentlicht haben. Weil auch ich bei vielen Konzerten von Macbeth dabei war, geht mir das näher, als ich mir vorstellen konnte. Besonders, wenn von einer Liquidierung der Band zu lesen ist. Das ist krank. Alle wissen, dass damit natürlich das Verbot gemeint war. Aber es liest sich im ersten Moment eben doch anders. Bei allen schönen Erinnerungen an unsere Jugend. Das Thema Stasi sollte man nicht vergessen und wegreden, wie es derzeit gerne besonders bei den Linken getan wird.

Nachtrag: Schön, dass es die Band trotz allem noch gibt. Hammergeile Mugge letztens mal wieder im Erfurt Centrum. Hier ein Ausschnitt.

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