Hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt

Es kommt ja immer mal wieder vor, dass man nicht nur von den guten alten, sondern auch von den weniger guten alten Zeit spricht. So war ich dieser Tage mit einem Freund aus Erfurt bei einem Metalkonzert in einem Berliner Club, währenddessen wir eben auch auf jene Zeit zu sprechen kamen. Und nun, zwei Wochen später, fiel mir auch noch beim aufräumen ein Teil meier Akte in die Hände. Schön, dass man heute darüber lachen kann. Für alle die mitlachen wollen, hier ein paar der schönsten Sätze eines Autors, dessen Authentizität ich bis heute nicht klären konnte. Ich habe Vermutungen, aber die wurden nie so richtig bestätigt. Inzwischen ist es aber auch egal (in Klammern kommentiere ich falsche Behauptungen). Und ab und an kann einem das Lachen auch heute noch vergehen:

Ermittlungsbericht. Halle, den 25. Januar 1988

Politische Haltung, gesellschaftliche Aktivitäten

Der K. erhielt durch seien Eltern eine positive Erziehung im Sinne der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Als Schüler in der Oberschule gehörte er der FDJ an. An der Bezirksmusikschule Halle, dem Konservatorium „Georg-Friedrich-Händel“, erhielt er eine abgeschlossene Ausbildung auf dem Instrument Violine (FALSCH. Violine lernte ich in Merseburg, in Halle lernte ich Gitarre). Während dieser Ausbildung wurde er zu vielen gesellschaftlichen Höhepunkten in der DDR delegiert, um als Musikschaffender teilnehmen zu können (hihihi)…

…Seit ca. 1986 änderte er sich zunehmend ins einem Charakter und in seiner politischen Haltung. Während seiner Lehrzeit war er mit zwei weiteren Lehrlingen mehrere Tage in der VR Ungarn. Im Jugendclub erzählte der K. dann, daß er von dem Konsumgüterangebot in Ungarn erfreut war und er wäre der Meinung daß alles dort viel besser wäre als in der DDR, zumal die vieles aus der Produktion westlicher Länder haben.

In weiteren Gesprächen mit dem K. kam dann zum Ausdruck, daß er sich durch negative Meinungen beeinflussen lässt, ohne dabei die Hintergründe zu erkennen. Zu Veranstaltungen von Volkloregruppen (Folklore mit V geschrieben lässt vermuten, dass es ein Volkspolizist geschrieben hat) reiste der K. oft nach Erfurt (FALSCH. Nach Erfurt fuhr ich meistens zu Feten in der Partywohnung). Selbst erzählte er, daß in seiner Musikgruppe 72 Musiker aus der ganzen DDR mitwirken (da hat einer das Folkfestival mit der Band verwechselt). Viele Teilnehmer sind konfessionell gebunden.

Der K. erzählte dann auch, daß er nur noch seinen Grundwehrdienst ableisten will. Er wäre davon überzeugt, daß man nur noch „Frieden schaffen kann ohne Waffen“. Er will seinen Grudnwehrdienst ohne Waffe ableisten. Auf Hinweise von Jugendlichen, die ihn auf seinen Fehler aufmerksam machten, ging er nicht ein. Es wird von einer Auskunftsperson vermutet, daß der K. von seinen Eltern zu streng erzogen wurde…

…Die Familie K. bewohnt eine 4-Raum-Wohnung in einem Neubau. Alle Zimmer sind modisch und wohnlich eingerichtet. Beim Kauf der Möbel wurden hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt. Die Familie ist im Besitz eines PKW Typ „Wartburg“ und eines Gartens (FALSCH. Haben wir nie besessen). In den Sommermonaten an den Wochenenden über hält sich vorallem das Ehepaar im Garten auf. Nähere Angaben hierzu wurden nicht festgestellt. Der K. H. (mein Vater) ist oft außerhalb der Stadft Halle beschäftigt und kommt deshalb unregelmäßig und spät nach Hause. Schwatzhafte Situationen wurden bei den Eltern des K. nicht bekannt…

…Seit ca. Oktober 1987 wohnt der K. ständig in Erfurt. Er soll dort bei einem Mitglied der Volkloregruppe wohnen, der ihm auch eine berufliche Tätigkeit verschaffte (FALSCH). Der K. soll jetzt in einer LPG als Reparaturschlosser arbeiten (FALSCH)…

…Eine Auskunftsperson aus seinem näheren freundschaftlichen Umfeld in Erfurt erzählte, daß der K. bei mehreren Gelegenheiten immer wieder davon gesprochen hätte, daß er den Grundwehrdienst verweigern will. Der Auskunftsperson erzählte der K. außerdem, er hätte Kontakte nach dem NSW. Es würde sich um den L. T. und die V. D. aus Limburg handeln. Hierzu hat die Auskunftsperson weitere Ergebnisse erarbeitet und Ermittlungen durchgeführt…

Midlake

Zwischendrin ein ein bisschen Renft, ein bisschen Folk und am Ende ist es eine Band aus Texas…

Was der Bauer nicht kennt, wird verklagt

Morgen ist es nun endlich vorbei. Das Warten, das Zittern. Wer fliegt wann wo in welcher Höhe? Welche Maschine wird welches Häuserdach rasieren? Gibt es überhaupt Flugrouten übers Brandenburger Land? Über Berlin? Oder bekommen die Flugrouten-Gegner doch noch Recht und alle Flugzeuge ab dem neuen Berliner Flughafen BER starten senkrecht? Soll es ja geben, Senkrechtstarter. Dann wäre endlich Ruhe im Karton. Und im Brandenburger Land. Wo es seit Jahren brodelt. Wo seit Jahren Menschen auf die Straße gehen. Um gegen den Fluglärm zu protestieren. Fluglärm in 2500 Meter Höhe. Oder in 5 Kilometern Entfernung. Oder in zehn. Von ihren Häusern. Die sie sich hingebaut haben. Weil die Grundstücke so preiswert waren.

Mal ehrlich: Manche von denen erinnern mich an so manche Neu-Berliner. Die in die Hauptstadt gekommen sind, um hier in Ruhe zu leben. Gekommen aus der tiefsten Provinz. Die nun allabendlich in ihren Luxus-Lofts und Penthouse-Wohnungen in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain oder Charlottenburg sitzen und auf den nächsten Gerichtstermin warten. Weil sie geklagt haben. Geklagt gegen das Großstadtleben. Geklagt, weil es im Club nebenan Musik gibt. Was für eine Frechheit. Da machen welche mitten in Berlin Musik. Und das auch noch laut. Oder erst die Open-Air-Konzerte. Oder Wochenmärkte. So etwas darf nicht sein. Was der Bauer nicht kennt, wird verklagt.

Flugrouten. Wir sind dagegen. Dagegen. Schallte es aus allen Provinzen um Berlin. Besonders da im Südosten. Wo eine ganze Region davon lebt, dass es dort einen Flughafen gibt. Wo es der ganzen Region noch besser gehen wird, wenn erst der neue Großflughafen in Betrieb ist. Aber wer will das schon? Ruhe wollen alle. Ruhe. Weit genug weg sein von der City. Von Clubs und dem Lärm der Biergärten. Aber nahe genug, um des morgens mit Auto oder Bahn in die City auf Arbeit fahren zu können. Und so ein kurzer Anfahrtsweg zum Flughafen. Ja, das wäre auch nicht schlecht. Aber bitte keinen Fluglärm.

Ist denen eigentlich bewusst, dass sich mancher das Grundtstück hätte gar nicht leisten können, wenn der Flughafen nicht ausgebaut worden wär? Dann würden sie vielleicht noch immer in ihrer Hellersdorfer Drei-Zimmer-Plattenbau-Butze sitzen. Oder in Castrop-Rauxel, in Bietigheim-Bissingen. Bei Kartoffelchips und Dosenbier und Tetrapackwein. Hätten aber wenigstens ihre Ruhe vor dem Fluglärm. Und wir unsere Ruhe vor denen. Ruhig wird es übrigens bald auch hier. In Pankow. Was nicht schlecht ist. Aber auch nicht so richtig gut. Denn der kurze Anfahrstweg zum Flughafen wird leider bald Geschichte sein. Dann müssen wir bis Schönefeld. Eine Stunde? Zwei Stunden fahren? Keiner weiß es so genau. Nur eins steht fest: Ab 3. Juni herrscht hier himmlische Ruhe. Am Himmel über Berlin Pankow.


Bitte kein Cannondale Flash Carbon 4

Ich schätze die große Auswahl. In den Läden und Shops. Und vor allem online. Und manches Mal auch die in den Kaufhäusern. Die Auswahl, die uns seit Anfang der 90er Jahre zur Verfügung steht. Aber manchmal steht sie eben auch im Weg. Ich meine, ich will doch nur ein neues Fahrrad kaufen. Ein Rad, mit dem ich früh zur Arbeit, am Abend nach Hause und ab und an mal durch die Gegend fahren kann. Mein derzeitiges ist durch. Es hat mich sechs Jahre und geschätzte 6000 Kilometer gut durch Berlin und Umgebung gebracht. Aber leider ist inzwischen zu viel im Arsch.

Also ich, ich würde es ja eventuell noch einmal reparieren lassen. Aber immer diese Sprüche in der Werkstatt. Das ist eben so. Bei Baumarkträdern. Ach, in der Metro jekooft? Na, dit ist ja noch schlimma. Oder jedenfalls nicht bessa. Koof Dir n richtjet Rad. Eens, dit och fährt. Dit hier fährt doch nich. Dit kraucht doch nur. Und du musst dir abstrampln. Nein, diese Sprüche sollen ein Ende haben. Also wird es ein neues Fahrrad geben. Im Frühjahr. Ist noch ne Weile hin. Aber so lange werde ich wohl auch brauchen. Bis ich weiß, welches „Bike“ denn nun zu mir und meinen Bedürfnissen passt. Normale Räder gibts ja nicht mehr. So, wie damals mein erstes. 24er Mifa (Foto). Da hatte ich keine Wahl. Höchstens noch Diamant. Aber die hatten kein 24er. Also Mifa.

Und jetzt? War gestern mal online unterwegs. Und heute im Fahrradshop. Tja, was wollen wir denn? Na, ein Fahrrad, sage ich. Naja. Sagte der Verkäufer. Wir haben Mountainbikes, Crossräder, Fitnessbikes, Trekkingräder, City Bikes, All Terrain Bikes, Klappräder, Cruiser, Urban-Singlespeed-Bikes, Tandems. Oder soll´s vielleicht ein Nostalgie-Holland-Bike sein? Na gut, ähm. Klappräder kenn ich. Ein Mountainbike hatte ich im Urlaub als Leihfahrrad. Hat Spaß gemacht. Aber für die Stadt? Naja, vielleicht, ähm, ein… Natürlich haben wir hier auch noch die Sport Utility Bikes. Sagt der Verkäufer. Wie bitte? Sind das nicht die großen Gelände…? Nein? Ach richtig. Das sind ja die SUVs. Das hier sind SUBs. Okay, verstanden. Oder auch nicht.

Ich habe mir dann noch ein paar Räder, äh, Bikes, vorführen und zeigen lassen. Bikes mit großen Namen. Wie von großen Autos. Oder mit Bezeichnungen wie Diskettenabspielgeräte. Das Bulls Hardtail Wildtail. Das Electra Cruiser Mariposa. Das Felt Cruiser Shelby. Und das Dynamics Sonic SL Disc. Und das Focus Mares AX 3.0. Auch nicht schlecht das Pegasus Premio SL 8. Oder das Trek District. Mein Fall eher das Scott SUB. 20 oder 30 oder 50. So genau weiß ich das nicht mehr. Oder wie wäre es mit einem Tecnobike Urban 21? Fragte der Verkäufer. Besonders empfehlen könne er mir heute auch das Cannondale Flash Carbon 4. Derzeit im Sonderangebot. Für nur 2299 Euro.

Ich überlege noch. Scott. Oder Bulls? Oder doch Pegasus? Wie auch immer. Eins steht jetzt schon fest. Das Cannondale Flash Carbon 4 wird es nicht. Da stimmt einfach der Preis nicht. Knapp über 2000 Euro. Ist mir zu billig. Für ein Bike aus Carbon.

Schluss mit lustig in Bayern

Nun gibts gar nix mehr zu Lachen bei den Bayern. Die Biermösl Blosn hat zum letzten Moi geblosn.

Wir haben den Wulff verdient

Bundespräsident Christian Wulff muss Bundespräsident bleiben. Er passt so gut zu Deutschland. Zu einem Land, in dem es an der Tagesordnung ist, dass Politiker die Bürger anlügen. Besonders vor Wahlen und vor Untertsuchungsausschüssen. Ein Land, in dem Korruption kein Fremdwort ist, in dem der Missbrauch öffentlicher Macht gesellschaftsfähig ist.

Deutschland, ein Land voller krummer Geschäfte, Steuerhinterziehungen und dubioser Parteispenden. Ein Land gekaufter Gewerkschaftsbosse, bestechlicher Industriemanager, korrupter Beamter. Deutschland, das Land der V-Männer, der Abhörspezialisten und der kruden Thesen. Deutschland, das Land von Flick, Kießling und Barschel. Das Land von Schreiber, Käßmann und Guttenberg.

Dieses Land kann nur einen Wulff zum Bundespräsidenten haben. Alles andere wäre gelogen. Jeder andere wäre Fehl am Platze. Es sei denn, ein neuer Präsident hätte dann auch die eine oder andere Leiche im Keller. Das wäre etwas anderes. Das würde auch passen. Denn wie heißt es doch passend: Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Deutschland hat (noch) den Wulff, den es verdient. Und danach den nächsten.

Ein bisschen Lügen

Nun, Filmtitel mit BP Wulff gibt es ja nun genug. Der mit dem Wulff tanzt. Oder Ich weiß, was du letzten Sommer gekriegt hast. Und so weiter. Was ich bisher vermisst habe, sind Schlagertitel. Da muss doch auch was gehen. Geht. Die Kollegen von ppq haben nun einen vorgelegt: Eine neue Lüge ist wie ein neues Leben. Passt perfekt. Ich hätte da auch noch die eine oder andere Idee. Da war Geld auf Deinem Konto. Ein bisschen Lügen. Tür an Tür mit Edith. Die Lüge ist ein seltsames Spiel. Wer hat noch mehr? Bitte im Kommentarfeld posten!

Party in der Schrottimmobilie

Mitte des 15. Jahrhundert war´s.  Da baute Vanek von Valesov auf einem Felsen nahe der Ortschaft Bosen im heutigen Böhmischen Paradies eine Burg. Mitten ins Landschaftsschutzgebiet.  Sei es drum, Vanek suchte einen Ort zum Feiern und hatte ihn gefunden. Er zahlte ein nicht geringes Entgelt der Naturschutzbehörde und durfte dann machen, was er wollte. Trotz des Protestes von Robin Hood und seinen grünen Gesellen errichtete Vanek seine Luxusvilla auf dem uralten Gestein. Nun hatte er endlich die Partylocation gefunden und auch sein Eventmanager war begeistert. Außerdem diente das etwas zu groß geratene Ferienhaus gut als Schutz gegen Einwanderer und andere Banditen.

Doch Hauptgrund war natürlich das Geld. Und Vanek sollte Recht behalten. Bald schon konnte er das Filetgrundstück samt Aufbauten an Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein verkaufen. Der hatte genügend Schotter, um auch den Immobilienmakler entschädigen zu können. Waldstein wiederum versilberte die Burg mit dem einmaligen Blick über das nordwestliche Böhmische Paradies, und verscherbelte es an das damals mächtige Immobilien-Imperium Wadstein. Die hatten schon lange ein Auge auf das Grundstück geworfen, waren doch jegliche Bestechungsgelder längst gezahlt worden. Ein Schnäppchen also.

Doch der weite Anfahrtsweg für das so dringend benötigte Pilsner für Konzerte und Hochzeits- und andere Events war denen der Wadsteins zu weit. So verließen auch jene die, unterdessen zur Schrottimmobilie verkommene, Burg und widmeten sich ihren anderen Besitztümern, die den Brauereien näher lagen. Die Burg Valecov war nun sich selbst und der zuständigen Stadtbehörde überlassen. Doch weder die Burg selbst, noch die Behörde taten etwas zur Erhaltung des Bauwerkes. Die Burg gammelte vor sich hin, Banditen und autonome, durchstreifende Banden, entkernten die Burg bis auf die Außenmauern. Und selbst die wurden teilweise von den Nachbarn Stein für Stein abgetragen, um sie für Datschen und Bungalows am See in Branzez zu verwenden.

Heute nun steht noch ein kläglicher Rest. Eine Schrottimmobilie ohne Aktienkurs, aber immerhin mit ein paar Besuchern pro Tag. Für knapp einen Euro pro darf man durch die Ruine schreiten, Treppen erklimmen und im Keller den einstigen Hungerturm ansehen. Auf Wunsch ertönt die schaurige Geschichte über bestechliche Naturschutzbehörden, bezahlte Senatoren und Heuschrecken ähnliche Finanzinvestoren auf verschiedenen Sprachen. Nur eins ist noch ehrlich und genau wie damals. Es wird immer noch gefeiert, es wird immer noch gesoffen. Mangels Dach nicht mehr in der Burg zwar, doch in einem Verschlag aus Stein und Holz im Hof sitzen sie heute noch. Rauchend bei Bier und Slibovitz, die nächsten Gäste erwartend, sitzen sie und werfen ab und an ein Scheit in den russischen Kanonenofen.

Es sind ihrer sechs, inklusive des deutsch sprechenden Wirtes. Der stellt auch uns ein Pils auf den Tisch und den Kindern eine Limonade hin. Auf zwei Stühlen schlafen die Hauskatzen, im TV läuft eine (welch Überraschung) tschechische Kochsendung, in den Gesichtern der Burgtrinker liegt eine seelige Zufriedenheit. Der Euro ist weit und Spekulanten auch (noch) und die Welt ist, heute und hier zumindest, noch in Ordnung.

2011 in review

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

Das Sydney Opera House bietet Platz für 2.700 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 38.000 mal besucht. Das entspräche etwa 14 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Sydney Opera House.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Ein schönes Lied zum Fest

Das Jahr nach zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren. Jedes Jahr aufs Neue kriege ich die Krise, wenn ich diese Bezeichnung höre. Zwischen den Jahren. Was soll das? Zwischen welchen Jahren überhaupt? Ich weiß es nicht. Also fragte ich in diesem Jahr, noch vor zwischen den Jahren, was sich denn hinter zwischen den Jahren verbirgt. Welchen Sinn es macht. Naja, sagte eine Kollegin aus den Zwischen-den-Jahren-Bundesländern. Es ist halt die Zeit zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Wie bitte? Das alte Jahr endet doch eigentlich erst Silvester. Als nach zwischen den Jahren. Oder? Mhm. Sagte die Kollegin. Da hast Du wohl recht. Ein weiterer Mensch aus der Zwischen-den-Jahren-Gegend wollte es mir dann erklären. Ich wartete mehrere Stunden. Und bekamm doch keine Antwort. Später, es war noch vor zwischen den Jahren, ertappte ich ihn beim googeln nach Zwischen den Jahren.

Na danke, das hätt ich auch gekonnt. Aber selbst dann findet sich keine logische Erklärung. Weder vor, nach, noch zwischen den Jahren. Die Kirche erklärt es dann doch. Irgendwie. Weil das alte Jahr am 24. Dezember endet. Und das neue am 6. Januar beginnen würde. Okay, wenn das so ist. Dann könnte ich zwischen den Jahren mit zwischen den Jahren leben. Aber hier, bei meinen Kollegen aus der Zwischen-den-Jahren-Republik, endet zwischen den Jahren ja schon am 1. Januar. Also kann das auch nicht richtig stimmen. Naja, ist ja auch nicht so wichtig. Ich werde wohl mein Leben lang noch mit zwischen den Jahren leben müssen. Die nächste Generation wird´s dann schon richten. Und vielleicht auch endlich begreifen, wie spät es um dreiviertel sechs ist. Jedenfalls nicht fünf vor zwölf. In diesem Sinne wünsche ich allen bpb-Lesern erholsame Tage vor zwischen den Jahren, schöne Tage zwischen den Jahren und einen guten Rutsch ins neue Jahr nach den zwischen den Jahren.

Weizen oder Dinkel?

Dialog zwischen Verkäuferin (Mitte 20) und Kundin (Mitte 40) in einem Bio-Supermarkt in Berlin Mitte am Samstagmorgen. Kundin steht vor der Backwarentheke, Verkäuferin, Kaugummi kauend, dahinter.

Kann ick Ihnen helfen? Ja, ähm, ich hätte gern, ähm. Die Rosinenbrötchen hier, da würde ich zwei nehmen. Weizen oder Dinkel? Ähm, wie bitte? Weizen oder Dinkel? Wie meinen Sie das jetzt? Na, wir haben Weizen-Rosinenbrötchen und Dinkel-Rosinenbrötchen. Ach, so. Und was ist da der Unterschied? Na dit eene is Weizen, dit andre Brötchen is mit Dinkel jebacken. Ja, das habe ich schon verstanden. Nur, was ist der Unterschied? Zwischen Weizen und Dinkel? Ähm, tja, dit weeß icke nich. Da muss ick mal die Kollejin fragen. Du, Johanna-Marieluise, wat is der Untaschied zwischen Weizen und Dinkel nochmal? Weeste nich? Wieso nich? Warum? Weil die Kundin hier dit wissen will. Mhm. Na jut. Also Dinkel is so wat wie Weizen. Nur eben anders. Aba och Mehl. Mhm, na gut. Haben Sie denn auch Brötchen mit Roggen? Klar, ham wir. Na dann geben Sie mir doch am besten zwei Roggenbrötchen. Da hamwa welche mit Körnern, mit Dinkelschrot, mit Malz oda mit Walnüssen. Wejen Advent und so. Und ganz einfache? Ohne Dinkel und Co? Nee, nur die, diese hier sehn. Mhm, ich weiß nicht. Und so ganz normale Schrippen, haben Sie ganz normale Berliner Schrippen? Nee, dit tut mir leid. Da müssense zum Bäcka jehn. Jejenüba is eena. Ja, vielen Dank für den Tipp. Das werde ich jetzt wohl tun.

Kundin geht raus, über die Straße und in den Bäcker gegenüber. Sagt Johanna-Marieluise zur Kollegin: Wat manche so für Vorstellungen ham, wa? Komm hier rin un denken, sie könnten hier een uff Bio machen. Ick gloob ick spinne.

Dit jibs nur in Berlin (Wedding)

Heute früh in einem Hallenbad in Wedding. Eine Schulklasse (zweite oder dritte Klasse) ist auf dem Weg zum Schwimmunterricht und wartet vor dem Kassenhäuschen auf Einlass. Ein Mitarbeiter der Bäderbetriebe, vermutlich ein Bade- oder Schmimmmeister, verliest die Namen der Schüler, die sich daraufhin einzeln melden und hineingelassen werden. Yusuf! Hier! Djamal! Hier! Gabor! Hier! Varlik! Hier! Sabri! Hier! Zahit! Hier! Djamila! Hier! Suleiman! Hier! Halim! Hier! Issam! Hier! Qitura! Hier! Zuleika! Hier! Charda! Hier! Eleonora! Hier! Talat! Hier! Dshihad! Hier! Erzsebet! Hier! Iskandar! Hier! Svetanka! Hier! Namik! Hier! Said! Hier! Mansur! Hier! Alle drin? Jaaaaaa. Daraufhin der Bademeister zur Begleitperson der Schüler (Lehrerin?): Sagen Sie mal, beim letzten Besuch waren da aber doch noch wenigsten zwei deutsche Schüler dabei! Oder irre ich mich? Sie irren nicht. Anwtortet die Dame. Aber die Eltern der beiden sind umgezogen. Damit ihre Kinder in andere Schulen gehen können. Wo mehr deutsche Mitschüler sind.

n-su-tv

Es geht um Das letzte Gefecht der Bismarck, Mengeles Geheimnis, Hitlers Kinder, Die Gestapo – Hitlers stärkste Waffe oder die auf HD getrimmten Bewegtbilder zeigen den Angriff der Wolfsrudel – Auf Feindfahrt. Nur fünf von schier unendlich vielen Filmchen, die dem deutschen Volke täglich zeigen, wie es damals gewesen ist. Mit dem Führer und ohne ihn. Hauptsächlich aber mit Hitler. Denn kein Film vergeht, ohne dass dieser einmal mit gestrecktem Arm, Schäferhund oder mit Eva Braun ins Bild rückt.Und wenn nicht der Führer, dann sind seine Adjudanten zu sehen, oder aber der Goebbels oder der Göring. n-su-tv ist angesagt, denn n-su-tv bringt Einschaltquote.

Und während auf dem einen Nachrichtensender der Generalbundesanwalt seine neuesten Erkenntnisse über den Braunen Untergrund verlauten lässt, ruft im anderen Sender auf dem Nachbarkanal der Führer zum totalen Krieg. Dazwischen nur ein kleiner Klick auf der Fernbedienung. Und wer schnell genug zappt, kann innerhalb von wenigen Sekunden Beate Zschäpe, Adolf Hitler, Hermann Göring, die gesamte deutsche U-Boot-Flotte sowie den Untergang der Bismarck sehen. Das zappt, das quotet. Und den drei führenden Führer-Nachrichtensendern n-tv, n24 und phoenix ist nichts zu braun, um es im totalen Krieg um Zuschauerquoten ins Rennen zu schicken.

Die richtig guten Sendungen, wo es nicht nur ordentlich kracht, sondern wo auch der Führer und seinesgleichen ausreichend zu Wort kommen, werden gleich mehrfach ausgestrahlt. Gemessen, gezappt und gezählt an einem Tag im November 2011 kamen allein auf die drei führenden Führer-Nachrichtensendern 13 Führerstunden. Macht wöchentlich 91, monatlich etwa 365 Stunden braunes TV. Zusammen mit den anderen, meist Führer-losen, deutschen Volkssendern, sind das also pro Jahr wenigstens 5000 Volks-TV-Stunden. Und wem das zuwenig Reich ist, der kauft sich eine von Hunderten DVDs, die neben reichlich Zusatzmaterial wie Zeitzeugen-Interviews nützliche Tools wie Bauanleitungen für U-Boote oder Bomben enthalten.

Schuldig! Oder: Als V-Mann bei der FDJ

Es ist kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus dem Osten kommt: In den neuen Ländern ließ man rechtsextremistische Milieus blühen. Nimmt da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern?

Das schreibt Constanze von Bullion in der Süddeutschen Zeitung. Selten soviel Dünnschiss gelesen. Nachdem die geschätzten Kollegen von politplatschquatsch von Bullions Beitrag schon ausführlich kommentiert haben, erübrigt sich eigentlich jede weitere Meinung. Ich aber möchte mich an dieser Stelle schuldig bekennen. Schuldig, ein Ossi zu sein. Schuldig also auch (laut von Bullion), ein Neonazi zu sein.

Denn ja, ich war bei den Jungpionieren. Hab das Blaue Halstuch stolz getragen. Bei den Thälmannpionieren habe ich das rote Halstuch gebunden. Später dann, bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ), war ich schließlich als V-Mann tätig. Das war nicht einfach. Nach außen, bei diversen Demos und Propaganda-Veranstaltungen, sich immer im Blauhemd zeigen. Immer laut „Freundschaft“ rufen. Und doch was anderes dabei denken. Hätte ich doch viel lieber den Arm zum Gruß. Na, Sie wissen schon. Das war nicht immer leicht. So im Blau- statt im Braunhemd. Gut, es war nicht immer bis oben geknöpft. Und ab und an hatte ich auch die Ärmel aufgekrempelt. Aber so, dachten alle, der gehört zu uns, das ist einer, den man Vertrauen kann. Ein Vertrauensmann, eben ein V-Mann.

„Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung“, schreibt von Bullion weiter. Und wieder bekenne ich mich schuldig. Schuldig, in der DDR erzogen worden zu sein. Erzogen zu Werten wie Freundschaft und Familie. Die wichtiger sind als Geld und Karriere. Darum ist auch heute noch mein Freundeskreis größer als es mein Konto jemals sein wird. Und wertvoller sowieso. Etwas, was die drüben eben nicht verstehen. Können oder Wollen. Schuldig bekenne ich mich ebenso der „Horte ideologischer Schulung“. Jeden Abend daheim dieses Rotlicht. Und der Schwarze Kanal flimmert in der Kiste. Plus politische Erziehung im Wehrlager. Stramm stehen auf dem Schulhofappellplatz. Schuften im Volkseigenen Metalleichtbaukombinat Werk Halle. Montage im Kernkraftwerk Lubmin. Alles Horte ideologischer Schulung. Aber vor allem, Frau von Bullion, Gegenstand von Witzen.

„Als die DDR hin war, blieben funktionslose Funktionäre zurück, gedemütigte Lehrer und Polizisten. Sie vermittelten den Jungen das Gefühl, auf einem wüsten Planeten zu leben“, schreibt von Bullion weiter. Liebe Frau: Die einzigen Menschen, die uns nach der Wende vermitteln wollten, das Land wäre ein wüster Planet, waren die im Westen Gescheiterten. All die V-Männer, die Versicherungsvertreter und Glücksspielautomatenverlkäufer, Zuhälter und Kreispolitiker, Schützenvereinsmitglieder und Kredithaie. Das war wirklich wüst. Und noch ein Letztes Frau von Bullion: „Der Westen hat das Interesse längst verloren“, schreiben Sie am Ende. Auch wieder falsch: Der Westen hatte nie Interesse.